Auszug aus August Sauer, Ewald von Kleist's Werke Erster Theil, Berlin, 1881

S. LXXXIX

3. Die Ramler'schen Ausgaben von 1760

 

Im Frühjahre 1758 dachte Kleist an eine Gesammtausgabe seiner Werke, die bei Voß erscheinen sollte. Er hatte die Wintermuße in Leipzig zu durchgreifenden Um- und Ueberarbeitungen seiner Gedichte verwendet; ausdrücklich schreibt er in dem wichtigen Briefe vom 5. Mai an Gleim: "Ich habe fast Alles durch und durch, sehr viel und ich glaube gut geändert, besonders die erste Scene im 'Seneca', die nicht dialogisch genug war." Die Aenderungen wurden offenbar in die Exemplare von 1756 und 1758 eingetragen. Lessing nahm diese corrigierten Exemplare mit sich, als er in den ersten Tagen des Mai von Leipzig nach Berlin ging, und sollte die Correctur besorgen. Der Druck sollte sogleich beginnen und das Werk zur Herbstmesse erscheinen. Darum schickte Kleist neue Aenderungen allsogleich an Lessing (Kleist an Gleim 9. Mai 1758). Die Wendung im Briefe an Hirzel vom 20. Aug. 1758: "Ehe ich mich's versehe, werde ich einen ziemlichen Band geschrieben haben", bezieht sich wol auf diese projectirte neue Sammlung. Auch 'Cissides und Paches' sollte in dieselbe eingefügt werden (an Gleim 18. September 1758), wurde aber dann auf des Dichters Wunsch einzeln gedruckt (an Gleim 10. October 1758). Der Beginn des Druckes verzögerte sich; der Termin des Erscheinens wird bis Ostern 1759 hinausgerückt. Zwei Theile werden geplant; dem zweiten sollte die Widmung an Kleist's Mutterbruder Manteuffel vorgesetzt werden, der aber bei einem Ueberfalle durch die Russen gerade damals sein trauriges Ende fand (an Gleim 3. Decbr. 1758). Immer noch ist Lessing Derjenige, der den Druck leiten soll (an Gleim 10. Decbr. 1758); erst zu Beginn des Jahres 1759 springt Ramler für den Abwesenden ein (an Gleim 21. Januar 1759) und übernimmt schließlich die Correctur allein. Am 7. Februar 1759 ist der Druck noch nicht begonnen. Später finde ich keine directe Erwähnung; nur werden die neu entstandenen Gedichte allsobald nach Berlin befördert, so noch kurz vor Kleist's Ende einige Epigramme (an Gleim 23. Juli 1759).

Die Sammlung war also zu Kleist's Lebzeiten vorbereitet; der Druck scheint aber factisch noch nicht begonnen zu haben; auch die Worte Sulzer's, der genau unterrichtet sein konnte, an Bodmer 16. Oct. 1759: "Eine neue Ausgabe seiner Gedichte ist schon bei seinem Leben veranstaltet, aber noch nicht fertig geworden" (Weimar. Jahrb. IV. S. 167), lassen diese Annahme zu. Die große Ausgabe: 'Des Herrn Christian Ewald von Kleist sämtliche Werke (R) in zwei Theilen, Berlin bei Christian Friedrich Voß, mit Kupfern und deutschen Lettern, welche die Jahreszahl 1760 trägt, wurde also erst im Winter 1759 gedruckt; im März spricht Uz von ihr mit Erwartung (an Grötzner, S. 99). Zu Ostern erschien sie. In dem Vorbericht, der nebst wenigen einleitenden Worten nur einen Auszug aus Nicolai's 'Ehrengedächtniß auf Kleist' (Berlin 1760) bringt, sagt Ramler:

"In der Ordnung, mit den Verbesserungen und Vermehrungen, wie sie das Publikum itzt erhält, hatte sie ihr Verfasser, schon vor länger als zwey Jahren, dem Drucke bestimmt, und sie in dieser Absicht den Händen seiner Freunde überliefert. Indem sich aber die Ausgabe verzog, weil die äußere Ausschmückung dem innern Werthe einigermaßen gemäß seyn sollte: starb er den Tod der Helden; und was bestimmt war, nur eine vollständige Sammlung seiner bisherigen Ausarbeitungen zu seyn, ward, zum Leidwesen aller Freunde der Dichtkunst, die Sammlung seiner sämtlichen Werke. . . . Einige kleine Veränderungen erhielten die Herausgeber von ihm, da es mit dem Drucke schon zu weit gekommen war, als daß sie noch an den gehörigen Stellen hätten eingeschaltet werden können. Man wird aber in einer andern kleinern Ausgabe dieser sämtlichen Werke, welche mehr sauber als prächtig ausfallen soll, und bereits unter der Presse ist, Gebrauch davon machen."

Mit diesen Worte, welche klingen, als ob Ramler das letztredigirte Manuscript Kleist's wörtlich habe abdrucken lassen, contrastirt eine spätere Briefstelle an den Sohn von Joh. Nicolaus Götz, dessen Gedichte er eingestandenermaßen überarbeitet hatte (25. Februar 1758. Voß, Uebe Götz und Ramler, S. 152): "Ich würde es also mit diesem Werke [Götzens Gedichten] ebenso gemacht haben wie mit Kleist's Werken. Dieser mein ältester Freund überließ sie mir zur Feile und zur Herausgabe, und ich überließ sie dem Herrn Voß, unserm Buchhändler, so wie ich sie empfangen hatte, das ist unentgeltlich."

Ramler kam nicht als Fremder an die Redaction der Kleist'schen Gedichte heran; vielmehr hatte er sich in früherer Zeit mannichfach mit denselben beschäftigt. Als kritische Autorität hatten ihn Kleist und Gleim immer angesehen. In den Jahren 1749 - 50, zur Zeit als Kleist seinen 'Frühling' zum Druck vorbereitete, und während des Druckes selbst hatte Ramler das Gedicht einer feilenden Durch- und Umarbeitung unterzogen, über welche wir durch den Briefwechsel zwischen Gleim und Kleist ziemlich genau unterrichtet sind und mit welcher der Dichter keineswegs immer einverstanden war, so daß er dieselbe nicht verwendete. An der Ausgabe von 1956, glaube ich, war Ramler nicht ganz unbetheiligt; Von einer problematischen Umarbeitung einzelner Gedichte aus dem Anfang der funfziger Jahre kann ich ferner Nachricht geben, ohne daß es mir gelungen ist, sie selbst aufzufinden. Ramler und Krause gaben im Laufe des Jahres 1753 eine Sammlung Gedichte mit Melodien heraus, deren 1. Theil bei Birnstiel in Leipzig erschien. Das Gros der Gedichte war aus Gleim's scherzhaften Liedern genommen, wozu einige ähnliche von Hagedorn und Uz gefügt wurden. "Einige wenige ernsthaftere sind darunter, z. B. 'Ja, liebster Damon' von Kleist (Nr. 11) und 'Welche Gottheit' von Uzen." Die Melodien sind von Krause. Gleim sollte eine Vorrede dazu schreiben. "Herr Ramler hat alle Texte vorher noch Revue passiren lassen, ehe sie componirt worden, und er hat die Hagedorn's excellent gemacht." Dies entnehme ich einem Briefe Krause's an Gleim vom 29. Dezember 1752. Ein Jahr später, 18. Dezember 1753, meldet Krause, daß Ramler auch ein Dutzend ernsthafte Lieder in den zweiten Theil sucht und keine tauglichen findet; zugleich überschickt er ihm 50 Exemplare des ersten Theiles, damit er sie "gütigst debitiren" lasse.

Es ist seit Langem allgemein bekannt, daß Ramler seine Feile schon in der ersten Ausgabe von 1760, nicht erst in den späteren, immer wieder verbesserten, an die Kleist'schen Gedichte angelegt hatte. Schon Mendelssohn schreibt im Juni 1761 an Lessing (Werke, Hempel'sche Ausg., XX. 2. Abth. S. 167): "Es hat Jemand die Lichtwer'schen Fabeln verbessert herausgegeben. Man vermuthet, daß sich Herr Ramler diese Freiheit genommen, und ist begierig, zu sehen, wie Lichtwer diese Freiheit aufnehmen wird. So stille als Logau und Kleist wird doch der noch athmende Lichtwer gewiß nicht herhalten."

Gestützt auf Vergleichung aller Ausgaben und auf das mir vorliegende handschriftliche Material, habe ich in meiner in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften (Band XCVII. S. 69f. 1880) erschienenen Schrift: "Ueber die Ramler'sche Bearbeitung der Gedichte E. C. von Kleist's" nachzuweisen gesucht, wie weit Ramler's Aenderungen in dieser Ausgabe sich erstrecken. Indem ich auf diese Arbeit im Einzelnen verweise, begnüge ich mich hier, die Resultate derselben kurz zusammenzufassen. Die Gedichte weisen verschiedene Art der Behandlung auf; die Sammlung H wurde vollzählig und mit sehr geringen Aenderungen (Nr. 78, 26; 73, 37; 65, 22 und 72, 4) herübergenommen. Die Sammlung des Jahres 1756 (G) wurde ebenfalls vollständig R einverleibt, 15 Gedichte derselben ohne jegliche Aenderung, 6 mit geringer Umgestaltung (Nr. 10, 14, 15, 16, 22, 35), 3 in gänzlicher Umarbeitung (Nr. 4, 8, 11). Die überwiegende Mehrzahl der Aenderungen ergeben sich bei näherer Betrachtung als Verschlimmerungen und Verschlechterungen des echten Kleist'schen Textes. Aus F5 mit Zuhilfenahme von B wurde Nr. 12 mit wenigen Aenderungen, aus E2 Nr. 62 mit einer wirklichen Verbesserung in V. 3 und aus den Literaturbriefen (L) Nr. 79 und 81 abgedruckt, bei deren ersterem eine Vergleichung mit dem Manuscripte nicht möglich ist; das zweite scheint in R nach einer Abschrift gedruckt zu sein, welche Kleist, wie an Gleim, Bodmer und Lessing, auch an Ramler geschickt haben mag.

Zuerst in R gedruckt sind folgende 8 Gedichte: Nr. 9, 80, 83, 84, 85, 86, 87, 88. Davon sind 83 und 85 genau nach dem erhaltenen Manuscripte wiedergegeben; 84 ist gegen die Handschrift verändert, Von den übrigen 5 fehlt das Manuscript; an ihrer Echtheit kann kaum ein Zweifel sein.

Der Text des 'Frühling' zerfällt in R in zwei ungleiche und ungleich behandelte Theile. Von Vers 165 (Nr. 90) stimmt derselbe genau mit G überein, ausgenommen kleinere Aenderungen in den Versen 232 f., 265, 288, 302, 310, 333, 336, 342, 358 und 396. Die Verse 1 - 165 hingegen sind eine herzlich schlechte Ueberarbeitung von Ramler's Hand. Es har sich bei näherer Untersuchung ergeben, daß Ramler die oben erwähnte ältere Umarbeitung des 'Frühling', die er etwa in den Jahren 1749 und 1750 vorgenommen, im Jahre 1760 wieder hervorgesucht, mit der Kleist'schen Redaction G mehr oder weniger in Einklang gebracht und das so gewonnene Conglomerat als letztwillige Bearbeitung des Dichters hat abdrucken lassen. Nur durch diese Annahme lassen sich die vielen Uebereinstimmungen von R mit F1 gegen die späteren Ausgaben F4 - G, die sich besonders in den ersten 90 Versen finden, gut erklären.

Aehnlich verhält es sich mit der Textgestaltung des 'Cissides und Paches' in der Ausgabe von 1760. Der zweite und dritte Gesang stimmen bis auf wenige unbedeutende Aenderungen mit dem ersten Drucke des Gedichtes P; hingegen ist der erste Gesang fast Zeile für Zeile, öfters recht gelungen, sehr oft aber mit directer Verkennung des Kleist'schen Ausdruches, überarbeitet worden. Aenderungen, welche Kleist noch für die Ausgabe P gemacht hatte, welche aber für dieselbe zu spät kamen, und welche handschriftlich vorliegen, hat Ramler entweder nicht gekannt oder wenigstens nicht benutzt. Der ganze Gesang ist so sehr Ramler's Eigenthum, daß man ihm eher einen Platz in einer Ausgabe seiner eigenen Gedichte als in der seines mißhandelten Freundes anweisen müßte.

Für die erste Scene des 'Seneca', welches Trauerspiel aus de Sammlung H in die Ausgabe R herübergenommen wurde, ist durch die oben S. LXXXIX erwähnte Briefstelle die Umarbeitung als Kleist's Eigenthum gesichert. Die übrigen leichteren Aenderungen sind wol Ramler zuzuweisen, dem auch, wie die Vergleichung mit den Handschriften ergiebt, die gänzliche stilistische Ueberarbeitung der prosaischen Aufsätze Kleist's in R angehört.

Es ergiebt sich somit, daß Ramler's Worte in der Vorrede nicht völlig auf Wahrheit beruhen, daß er nicht das ihm übergebene, letztredigirte Manuscript des Dichters zum Abdruck gebracht, sondern vom Anfang bis Schlusse ungerecht und grausam seine kritische Feile an dasselbe angelegt hat. Wie weit er es wirklich benutzte, läßt sich bis jetzt nicht feststellen, weil dieses letztredigirte Manuscript sich noch nicht wiedergefunden hat; möglich, daß es aus dem Ramler'schen Nachlasse, der von Göckingk im Jahre 1802 der Königlichen Bibliothek in Berlin übergeben wurde, noch einmal zu Tage kommt.

Wir dürfen daher keineswegs mit der Ramler'schen Ausgabe vollständig brechen; wir müssen vielmehr deren Varianten vollzählig und genau verzeichnen, damit uns mit dem tauben Gesteine des Ueberarbeiters nicht auch einzelne darin verborgene Goldkörner echter Kleist'scher Lesarten verloren gehen.

Weniger conservativ glaubte ich gegen die zweite Ramler'sche Auflage vorgehen zu dürfen, ...