Kleist-Retzow
Ein Lebensbild
Von
Dr. Herman v. Petersdorff
Kgl. Archivar
Mit einem Porträt
Stuttgart und Berlin 1907
I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Vorwort
Im Januar 1903 trat die Kleistsche Gesamtfamilie, von fachgenössischer Seite auf mich gewiesen, mit der Bitte an mich heran, ein Lebensbild des Oberpräsidenten v. Kleist-Retzow zu entwerfen. Ich fand mich dazu umso lieber bereit, als mir schon längere Zeit vorher von dem Wirklichen Geheimen Rate D. Dr. Freiherrn v. Liliencron für die Nachträge zu der von ihm herausgegebenen Allgemeinen Deutschen Biographie der (inzwischen in Bd. LI der A. D. B. Leipzig 1906 S. 191 bis 202 erschienene) Artikel Kleist-Retzow übertragen worden war. Außerdem hoffte ich, es würde mir hinreichendes Material erschlossen werden. Dies erwies sich jedoch als nicht ganz leicht. Zwar stellte mir die Schwiegertochter Kleist-Retzows, die verwitwete Frau Landrat v. Kleist-Retzow, geborene Gräfin Zedlitz-Trützschler, auf Kieckow, mit der ich mich in Verbindung setzte, in Berücksichtigung des Wunsches der Gesamtfamilie, in der hochherzigsten Weise den ihr zur Hand befindlichen schriftlichen Nachlaß des Verewigten vertrauensvoll zur Verfügung. Bei dessen Prüfung zeigte es sich jedoch, daß er nicht nur in keiner Weise geordnet, sondern auch recht lückenhaft war. Immerhin ergab das, was sich im Laufe der Zeit vorfand, eine reiche und wertvolle Ausbeute, so daß ich es wohl wagen durfte, ein Lebensbild des Mannes zu zeichnen, dessen lauterer Charakter auf alle, die ihn gekannt haben, einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat. Den Grundstock bildeten über 350 Schreiben von Kleist an den Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat Schede, mit dem er seit 1844 befreundet war und bis zu seinem Tode in Briefwechsel gestanden hat. Daran reihten sich Briefe Bismarcks, Moritz v. Blanckenburgs, der Gebrüder Leopold und Ludwig v. Gerlach (von diesem allein einige vierzig), Below-Hohendorfs, Senfft-Pilsachs, der Kabinettsräte Illaire und Markus Niebuhr, des Grafen Anton Stolberg, Hermann Wageners, vieler Minister und sonstiger Staatsmänner, Politiker und bekannter Persönlichkeiten älterer und neuerer Zeit, mehrere hundert Briefe Kleists an seinen zweiten Sohn, zahlreiche Korrespondenzen von seinen sonstigen Freunden und Verwandten, eine Menge Konzepte Kleists zu Briefen, Aufsätzen und Reden, mancherlei Drucksachen. Viele Schriftstücke von intimem geschichtlichen Reize waren dabei. Auch einige nicht unwichtige Schreiben fürstlicher Personen fanden sich vor. Das Vorhandensein von Briefen an die Gattin Kleists wurde nicht festgestellt. Nachdem ich schon ein eng beschriebenes Notizblatt entdeckt hatte, das das Urkonzept zu einer eigenen Lebensbeschreibung Kleists und wichtige Vermerke enthielt, ebenso auch das Konzept Kleists zu dem Artikel über sein Leben, den G. H. Kypke in der Geschichte des Geschlechts von Kleist (3. Teil, 3. Abteilung, Berlin, Trowitzsch u. Sohn, 1885, S. 150-185) veröffentlicht hat, gab mir Kleists Tochter, Fräulein Elisabeth v. Kleist-Retzow, außer einigen anderen in ihrem Besitz befindlichen wertvollen Aktenstücken, aufschlußreiche Aufzeichnungen ihres Vaters aus dem Jahre 1871. Ob die in den Tagebüchern Ludwigs v. Gerlach (II, 128) erwähnten Aufzeichnungen Kleists mit diesen identisch sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Es scheint aber nicht der Fall zu sein. Der noch lebende Sohn Kleists, Herr Referendar a. D. Hans Anton v. Kleist-Retzow auf Kieckow, unterstützte mich durch mancherlei dankenswerte Mitteilungen aus seinem Gedächtnis. In der umfassendsten Weise unterstützte mich ferner Frau Landrat v. Kleist-Retzow bei der Sammlung weiteren Materials, indem sie namentlich von dem kurz darauf verstorbenen Fürsten Herbert v. Bismarck für mich die im Nachlaß des Fürsten Otto v. Bismarck auffindbaren Briefe Kleist-Retzows (über fünfzig an der Zahl) erbat und erhielt. Ebenso verschaffte sie mir Briefe ihres Schwiegervaters an Roon, Moritz Blanckenburg, Gräfin Marie Stolberg, geborene Prinzessin Reuß, Andrae-Roman und andere. Manche ihrer Anfragen blieben leider ergebnislos.
Außer der nicht unbeträchtlichen gedruckten Literatur standen mir sodann die Aufzeichnungen, zur Verfügung, die ich mir aus den mir seinerzeit von dem verstorbenen Fräulein Agnes v. Gerlach überlassenen Originalaufzeichnungen des Generals Leopold v. Gerlach gemacht hatte, und aus denen mein Buch König Friedrich Wilhelm IV. (Stuttgart 1900) erwachsen ist. Sie enthielten Wichtiges über Kleist. Mir überließen außerdem die Hinterbliebenen des Generals v. Gerlach und ebenso der Neffe des Präsidenten v. Gerlach, Geheimrat Jakob v. Gerlach, einige Briefe Kleists, die sich im Nachlasse jener beiden einflußreichen Brüder vorfanden, und die das schöne Gerlachsche Briefmaterial, das ich im Kleist-Retzowschen Familienarchive zu Kieckow (im Text abgekürzt F.A.) entdeckte, in willkommener Weise ergänzten. Namentlich Herrn Geheimrat Jakob v. Gerlach fühle ich mich dafür zu Danke verpflichtet, daß er mir jene Papiere überließ, obwohl er den kritischen Standpunkt, den ich seinem Oheim gegenüber einnehme, gekannt haben wird. Einen ungemein wichtigen Brief Kleists überließ mir Herr v. Below-Saleske, einige Briefe an den Ministerpräsidenten Otto v. Manteuffel sein Sohn, der Wirkliche Geheimrat und Vizepräsident des Herrenhauses Herr Landesdirektor Freiherr v. Manteuffel, einige an Hermann Wagener die Redaktion der Kreuzzeitung. Ebenso gewährte mir Herr Superintendent D. Wetzel Einblick in die Akten des Lutherischen Vereins in Pommern. Pfarrer Ernst Wackernagel in Wustrau setzte für mich eine Schilderung des Lebens in Kieckow auf. Frau Wirkliche Geheimrat Juncker von Ober-Conreut ließ mir wertvolle Auszüge aus Aufzeichnungen ihres Gemahls anfertigen. Fräulein Martha Schede, die Tochter des vertrautesten Freundes Kleists, gewährte mir Einblick in die ausführlichen Aufzeichnungen ihres Vaters. Die glücklichste Entdeckung, die ich bei meinen weiteren Nachforschungen machte, war die Ermittlung von etwa anderthalbhundert Briefen Kleists an seinen ältesten Jugendfreund, den Professor der Theologie Ernst Ranke, die einen überaus tiefen Blick in die innere Entwicklung Kleists in seinen jüngeren Jahren tun lassen. Die Eigentümerin dieser Briefe, Frau Geheimrat Etta Hitzig, geborene Ranke, hat sie mir in liebenswürdigster Weise zur Benutzung überlassen. Inzwischen ist ein großer Teil davon in dem von ihr entworfenen Lebensbilde ihres Vaters Ernst C. Ranke, Leipzig 1906, abgedruckt worden. Diese Jugendbriefe wurden ergänzt durch einige Briefe Kleists aus frühester Zeit an den späteren Ägyptologen Richard Lepsius, die ich durch Vermittlung meines Freundes Professor Richard Heinze in Leipzig erhielt. Zahlreiche andere Privatpersonen, denen ich sonst noch für Mitteilung von Material zu danken habe, muß ich hier aufzuzählen mir versagen.
Von amtlichen Akten durfte ich das hübsche Material, was über Kleist in der Landesschule Pforta beruht, ebenso die Universitätszeugnisse benutzen. Sodann erteilte mir der Kaiserliche Wirkliche Geheime Rat und Oberpräsident der Provinz Pommern Herr Dr. Freiherr v. Maltzahn-Gültz die Erlaubnis, die Akten aus Kleists Landratszeit, die in den von der Regierung zu Köslin an das Staatsarchiv zu Stettin abgegebenen Akten enthalten sind, zu benutzen. Vor allem aber genehmigten der Herr Ministerpräsident Fürst v. Bülow und der Herr Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg auf einen von Herrn Generalleutnant Georg v. Kleist veranlaßten Antrag des Vorstandes der Familie v. Kleist, daß mir Einsicht in das auf dem Oberpräsidium und dem Staatsarchiv in Koblenz bewahrte Material gewährt würde. Ich habe zu diesem Zwecke einige Zeit in Koblenz gearbeitet und das, was ich aus den zur Zeit meiner dortigen Anwesenheit noch nicht sehr übersichtlich geordneten älteren Akten des Oberpräsidiums der Rheinprovinz ermitteln konnte, für dies Lebensbild zu verwerten gesucht. Eine erschöpfende Darstellung der Verwaltung Kleists am Rhein ließ sich schon deswegen nicht geben, weil sonst der Rahmen dieses Buches zu breit geworden wäre. Immerhin scheint mir das Mitgeteilte hinreichend zu sein, um jene Verwaltung zu veranschaulichen. Auch das sonstige Material, das ich bringe, von der ersten Jugendzeit Kleists an bis in die Tage des neuen Kurses, scheint mir mancherlei Beachtenswertes zu bieten. Selbst bei bedeutenderen Männern, wie Kleist, gelingt es nur selten, die Jugendzeit so aufzuhellen, wie es hier geschehen ist. Der Biograph gedenkt dabei wohl gern der Wahrheit des Goetheschen Wortes zu Eckermann: „überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwicklung."
So hoffe ich die merkwürdige, markige und edle Persönlichkeit Kleist-Retzows in das richtige Licht gestellt und auch einiges zum Verständnis der Zeitgeschichte beigetragen zu haben.
Stettin, den 16. Januar 1907.
Herman v. Petersdorff